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Das Tier 1

(Rupert Moser)
Das Tier

Wie ich renne! Wie ich laufe!
Und der Nebel überall!
Nur nicht stolpern! Nur nicht fallen!
Sonst war es das letzte Mal!

Und die Lungen kommen nicht mehr
Meinem Herzschlag hinterher!
Denken sollt' ich! Wo geht's weiter?
Doch vermag ich das nicht mehr.

Wie gezogen renn' ich zwischen
Bäumen, Sträuchern, Farn hindurch.
Wie nah mag Es jetzt schon sein?
Wie dicht an meinen Fersen? Horch!

Viel zu weit ist's noch zu laufen!
Ziellos eil' ich durch den Wald.
Kann die Pfade nicht mehr sehen!
Neblig! Dunkel! Eisig kalt!

Ich werd' langsamer, zu sparen
Meine Kräfte... Angespannt
Such' ich weiter nach dem Wege,
Blick' zurück wo ich gerannt.

Und jetzt hör' ich's wieder! Jenes
Atmen! Rasselnd, unheilvoll
Giert's nach meinem Blute! Und Es
Kommt mir näher -- Zoll um Zoll!

Und ich weine aus Verzweiflung
Ob der Ausweglosigkeit.
Rennen kann ich nicht mehr! Doch ich
Muss! Denn mir entrinnt die Zeit.

Wie ich eile! Wie ich fliege
Durch der Geister nächtlich' Hort!
Jenes Grauen abzuschütteln,
Das seit Stunden jagt mich dort!

Plötzlich steh' ich auf dem Ufer
Eines großen blut'gen Sees.
"Mach', dass es hinfort geht!" schrei ich.
"Mach ein Ende! Ich erfleh's..."

Da bemerk' ich die sechstausend
Augen aus dem Wasser späh'n.
Alle sind auf mich gerichtet,
Um mein Handeln anzuseh'n.

Und ich sprech' zum Spiegelbild im
Wasser: "Was wohl wird aus Dir?"
Und ein Schrei der Angst entweicht als
Ich seh', was steht hinter mir!

Mich durchzuckt's im ganzen Körper!
Meine Beine schnell'n nach vorn.
"Renne!" denk ich. "Renn' so schnell Du
Kannst, denn sonst bist Du verlor'n!"

Und ich hetze weiter. "In den
Wald zurück! Um mich zu tarnen!"
Doch ich hör' das Stampfen! Ohne
Unterlass, ohne Erbarmen

Jagt Es, treibt Es, hetzt Es mich! Und
Keine dreißig Schritte dringt
Mein Auge durch die Nacht, während
Ein Wolf das Lied des Todes singt.

Mir fehlt die Luft. Im Brustkorb sticht's.
Die Beine fühl' ich nicht mehr.
Und was ich sehe, seh' ich nicht,
Als ob ich gar nicht hier wär'.

Und wär' ich's nicht, so wär' ich froh!
Doch meine Schuld ist viel zu groß!
Hab es selbst mir zuzuschreiben,
Dass ich vor Ihm fliehen muss!

"Doch warum soll ich mich wehren?
Habe ich doch schon verlor'n!
Weiß doch, ich kann nicht entkommen
Seinem hasserfüllten Zorn!

Viel zu weit ist's noch zu rennen!
Meine Kräfte sind versiegt
Ebenso wie meine Hoffnung,
Denn ich weiß, Es hat gesiegt.

Ganz egal wo ich auch Zuflucht
Suche, wo ich mich versteck',
Überall wird Es mich finden.
Nun werf' ich mich in den Dreck:

Auf des Waldes Boden kau're
Ich zusammen, denn in mir
Macht sich Resignation breit: Ent-
rinnen werd' ich nicht dem Tier!

Und die Luft ist angereichert
Mit des Todes faulem Duft.
Mea culpa! Meine Schuld ist's,
Die des Satans Bestie ruft!

Viel zu weit wär's noch zu rennen,
Seinen Hauern zu entflieh'n!
Seinen Pranken, seinen Klauen,
Die vom Leib die Haut dir zieh'n!

Meine Stirn liegt auf dem Boden --
Nimmt ein leichtes Beben wahr;
Regelmäßig und beständig...
Und das Tier ist wieder da!!

Ich erhöh' den Oberkörper,
Hör' das Schnaufen hinter mir.
Mir im Rücken steht das Grauen!
Wie zum Opfer knie ich hier!

Und ich schließ' die Augen, mich zu
Sammeln für die Höllenfahrt.
Und ich hör' das Schnaufen wie es
Mir noch nie ward offenbart.

Doch Es kommt nicht näher! Es steht
Hinter mir und rührt sich nicht!
Starrt mit Sicherheit mich an, doch
Mich zu töten weigert's sich --

Noch. Denn Es hat nicht gestillt den
Durst zu Jagen und Sein Blut:
Es kocht noch nicht. Lodern muss erst
Seine grenzenlose Wut.

Mag's auch seltsam klingen, doch in
Diesem Augenblicke keimt
So etwas wie Hoffnung in mir
Auf. Auch wenn es nur so scheint.

Mir fährt es durch meinen Kopfe:
"Ihm entrinnen kann ich doch!
Meine Kräfte sind zurückge-
kehrt!" Und deshalb spring' ich hoch...

Wie ich laufe! Wie ich renne!
Durch des Nebels graue Wand!
Eingewickelt und gefesselt
Von der Nächte schwarzem Band!

Und zuseiten meines Pfades
Glühen in der Finsternis
Abertausend rote Augen
Mir entgegen. Verdammnis!

Jetzt schein' ich auf einem Pfade,
Den der Dickicht offen legt,
Der wie eine Schneise, die man
Extra für mich angelegt.

Und ich fliehe wie ein Windstoß
Schnell in diese Schneise rein.
Doch als ich schon zu weit vorge-
drungen, stell'n sich Zweifel ein.

"Es ist viel zu offenkundig,"
Lautet mein Gedanke nun,
"Dass dies eine Falle ist!" Doch
Was sollt' ich jetzt and'res tun?

Auf den Fersen jene Bestie,
Die mich in den Wahnsinn treibt!
Vor mir jener Weg, der nur als
Einz'ger Ausweg übrig bleibt!

Und so renn' ich -- Wie ich renne! --
Über Stock und über Stein!
Auf dem Pfade, der sich schlängelt
Tiefer in den Wald hinein.

Viel zu weit ist's noch zu rennen!
Und auch wird erschwert mein Lauf,
Denn der Weg, der mir bereitet,
Führt mich einen Hügel rauf.

Und die Schwerkraft macht zu schaffen
Meinen Beinen. Ich bin nah
Daran alles aufzugeben
Und zu fallen! Qu'est-ce qu'il y a?

Une caverne -- eine Höhle!
Gräbt sich in den Hügel rein.
Und die Beine laufen schneller...
Dort soll meine Zuflucht sein!

Nicht mehr weit ist's jetzt zu rennen!
Ich bin in der Höhle drin.
Drück' mich ganz fest an den Fels, dass
Ich dort nicht zu sehen bin.

Ich versuche nicht zu atmen,
Eins zu werden mit der Höhle.
Doch mein Herzschlag pocht so wild, ich
Spür' ihn donnern in der Kehle.

Wie ich harre! Wie ich weile!
Nichts ist von dem Tier zu seh'n!
Wie ich weile! Wie ich harre!
Wie die Stunden zäh vergeh'n!

Und der Tapf're hat gewonnen!
Nicht mehr folgen konnt' Es mir!
Und ich sack' zusammen, jubelnd
"Oh mein Gott! Ich danke Dir!"

Vom Gewölbe, durch das Beben,
Fallen Steine runter. Mir
Dringt ins Ohr das rasselnd' Schnaufen,
Denn das Tier ist wieder hier.

 

13.1.09 18:20

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